Das alles entscheidende Detail

Über muslimische Frauen mit Kopftuch weiß so ziemlich jede*r etwas zu berichten. Vorurteile gibt es genug, wirkmächtige allzumal.

Warum jedoch tragen Frauen Kopftücher und wieso tragen sie diese in einem Land wie Deutschland? Ich kann nur für mich sprechen.

Da in einem Land, in welchem Frauen die Möglichkeit haben, sich ihren Kleidungsstil selbst auszusuchen, jede Frau persönliche Gründe dafür hat, sich für oder gegen ein Kopftuch zu entscheiden, darf nicht davon ausgegangen werden, dass es eine einheitliche Antwort auf die Frage geben kann. Diese Annahme zeigt viel mehr über die Menschen, die sie ihrem Denken zugrunde legen als über die betroffenen Frauen, welche dadurch zu reinen Objekten dekradiert werden.

Im Qur’an steht sinngemäß in Sure 33 Aya 59, dass eine Frau sich bedecken soll, um als Muslima erkannt zu werden und in der Folge nicht belästigt zu werden, da sie als eine gläubige Frau identifiziert wird.

Was ist nun aber, wenn das Erkennen als Muslima dafür sorgt, dass sie gerade deshalb belästigt wird? Viele Frauen erleben massive Diskriminierungen aufgrund ihres Kopftuches, da dieses für die Diskriminierenden als Symbol für sämtliche Fehlentwicklungen und negativen Taten steht, welche (fälschlicherweise) im Namen der Religion begangen werden.

Was, wenn eine Frau befürchtet, dass sie ihren Glauben schwächt oder gar verliert, wenn sie weiterhin ein Kopftuch trägt, obwohl sie unter der Stigmatisierung leidet? Es kann passieren, dass eben diese Frau ihr Kopftuch ablegt. Ähnlich wie die Entscheidung für das Tragen eines Kopftuches kann auch das Ablegen des Kopftuches als eine überindividuell relevante Handlung von Außenstehenden betrachtet werden. Diese Frau kann erneut Ausschluss erleiden und erleben, sich für ihre Entscheidung rechtfertigen zu müssen.

Ich werde ein Experiment beginnen: Ich lege für einen bestimmten, limitierten Zeitraum das Kopftuch ab, rasiere mein Kopfhaar auf 3 Millimeter ab und kommentiere diesen Schritt bei Fragen nur mit „Weil ich es will!“. Auch das erneute Tragen des Tuches erkläre ich nicht weiter. Ich habe mich freiwillig dazu entschieden, das Kopftuch anzulegen, entscheide mich jeden Tag erneut. Niemand zieht es mir an, außer ich selbst. Also lege ich es genauso selbstbestimmt und selbstbewusst ab, wenn ich das will.

Was will ich damit erreichen? Ich möchte meine eigenen Grenzen testen. Wie wird es mir damit gehen? Ich möchte aber auch zum Ausdruck bringen, dass niemand das Recht hat, eine Frau zu bevormunden oder ihre persönlichen Entscheidungen zu öffentlichen Angelegenheiten zu machen.

Ich setze das Kopftuch nicht ab, um aufzuzeigen, dass es für Kopftuchträgerinnen kein Problem sein sollte, dies zu tun. Nein! Ich widerspreche dieser Auslegung sogar explizit. Ich setze es auch nicht ab, um die Neugier all jener zu stillen, die schon immer wissen wollten, was denn am Haar einer Muslima so außergewöhnlich ist, dass es versteckt werden muss. Ich verweise viel mehr darauf, dass Muslima in Deutschland Individuen sind, die sich tagtäglich selbst das Kopftuch aufsetzen oder es ablegen, wenn ihnen der Druck von außen zu groß geworden ist. Dies ist eine Privatangelegenheit und nichts, worüber unzählige Artikel oder Bücher geschrieben und Talkrunden in Abwesenheit patriarchatskritischer Kopftuchträger*innen veranstaltet werden sollten. Denn diese Formate führen nie weit genug. Stets geht es nur um die Frage nach der Legitimation des Kopftuches, welche 2020 nicht mehr zur Debatte stehen darf. Diskutiert werden muss jedoch, was der Staat und wir als Einzelpersonen tun können, um die real existierende Diversität angemessen in diesem Land ausleben zu können, anstatt durch aktives Othering aus Individuen Vertreter*innen marginalisierter Gruppen zu machen und somit die tradierten Machtstrukturen unreflektiert auf Kosten der Lebensqualität eben jener marginalisierten Menschen zu verfestigen.

Ich verhülle mit dem Tuch nicht mein Haar. Ich erinnere mich an meine Entscheidung für ein Leben als Muslima.

Es ist Zeit für einen Mainstream muslimischen Feminismus, welcher in intersektionalen Kontexten gedacht wird.

Für mich gilt das folgende qur’anische Gebot: Es gibt keinen Zwang im Glauben (2:256) und somit muss jede Frau selbst entscheiden dürfen, ob sie ein Kopftuch trägt oder es ablegt.

HB

2 Antworten zu “Das alles entscheidende Detail

  1. Pingback: Was, wenn das Detail fehlt? | dieander - Gedanken, Gedichte, Leben -

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